Nachhaltige öffentliche beschaffung

Timo van Loon

Nachhaltige öffentliche beschaffung

Lesezeit 5 Minuten

Du stehst vor der Aufgabe, als Behörde oder öffentliche Einrichtung etwas einzukaufen – vielleicht neue Bürostühle, ein Fahrzeug oder eine Dienstleistung für deine Stadt. Du weißt, dass deine Entscheidungen Gewicht haben. Es geht nicht nur um den günstigsten Preis. Es geht darum, wie dein Einkauf die Welt um dich herum beeinflusst. Nachhaltige öffentliche beschaffung klingt oft kompliziert, bürokratisch und nach einer zusätzlichen Hürde. Vielleicht fragst du dich: Wo fange ich an? Wie kann ich wirklich etwas bewegen, ohne gegen Regeln zu verstoßen oder meinen Einkauf unnötig zu verteuern? Lass uns ganz ruhig zusammensetzen und das Thema Schritt für Schritt durchgehen. Du bist damit nicht allein.

Was bedeutet nachhaltige öffentliche beschaffung überhaupt?

Ganz einfach ausgedrückt: Wenn der öffentliche Sektor einkauft, nutzen wir Steuergelder. Deshalb haben wir eine besondere Verantwortung. Nachhaltigkeit beim Einkauf bedeutet, dass du bei der Beschaffung nicht nur auf den Preis schaust. Du berücksichtigst drei wichtige Bereiche – das sogenannte „Drei-Säulen-Modell“:

  1. Umwelt: Wie wird das Produkt hergestellt? Entstehen dabei wenig Müll oder Emissionen?
  2. Soziales: Wer stellt das Produkt her? Werden faire Löhne gezahlt? Werden Arbeitsrechte eingehalten?
  3. Ökonomie: Ist der Preis angemessen? Hält das Produkt lange? Das ist wichtig, damit wir nicht ständig neu kaufen müssen.

Nachhaltige öffentliche beschaffung integriert diese Aspekte von Anfang an in den gesamten Prozess – von der Bedarfsermittlung bis zur späteren Nutzung und Entsorgung. Es geht darum, langfristig die beste Lösung für alle zu finden, nicht nur die billigste heute.

Warum ist das für dich wichtig und welche Hürden siehst du?

Wahrscheinlich denkst du gerade: „Das klingt gut, aber ich muss Fristen einhalten und die rechtlichen Vorgaben sind schon eng genug.“ Diese Zweifel kenne ich gut. Viele denken, Nachhaltigkeit bedeutet immer das teuerste Öko-Label. Das stimmt so nicht mehr. Die Gesetzeslage hat sich stark gewandelt, besonders in Europa und Deutschland. Heute fordern die Vergaberegelungen sogar, dass du Umwelt- und Sozialaspekte berücksichtigst. Wenn du das ignorierst, machst du es rechtlich schwieriger, den Zuschlag zu erteilen.

Du siehst also: Nachhaltigkeit ist keine Option mehr, sondern ein integraler Bestandteil guter, zukunftsorientierter Beschaffung. Dein Ziel sollte sein, die beste Gesamtqualität für den öffentlichen Auftrag zu sichern. Wenn du beispielsweise IT-Hardware kaufst, fragst du nicht nur nach der Leistung, sondern auch nach der Reparierbarkeit und der Energieeffizienz des Geräts während seiner gesamten Lebensdauer.

Wo fängst du mit der umstellung an? kleine schritte, große wirkung

Du musst nicht alles auf einmal umkrempeln. Fang dort an, wo du den größten Einfluss hast und wo die Umsetzung relativ einfach ist. Denk an deine täglichen Bedarfe.

Hier sind konkrete Ansatzpunkte für deine erste nachhaltige Beschaffung:

  • Papier und Druckerzubehör: Prüfe, ob du Recyclingpapier mit dem Blauen Engel verwenden kannst. Das ist oft kaum teurer als Frischfaserpapier.
  • Reinigungsmittel: Frage bei deinem aktuellen Dienstleister nach, ob er ökologischere Produkte nutzen kann. Diese müssen nicht teurer sein, da sie oft weniger Wasser und Energie bei der Anwendung benötigen.
  • Büromöbel: Statt immer neu zu kaufen: Wie hoch ist der Anteil an recyceltem Material in den neuen Stücken? Gibt es Angebote für gebrauchte, aber professionell aufgearbeitete Möbel?

Diese ersten Schritte helfen dir, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie du Kriterien formulierst, ohne den Wettbewerb einzuschränken.

Kriterien richtig formulieren: So vermeidest du ausschlüsse

Das größte Bedenken vieler ist oft: „Wenn ich zu spezifische Umweltkriterien nenne, schließe ich kleine oder mittlere Unternehmen (KMU) aus.“ Das ist ein berechtigter Punkt. Die Vergaberegeln schützen den Wettbewerb. Du darfst aber sehr wohl Anforderungen stellen, die auf Nachhaltigkeit abzielen, solange sie angemessen sind und sich auf den Vertragsgegenstand beziehen.

Statt zu sagen: „Ich will nur Bürostühle aus Norwegen mit Bio-Siegel“, formulierst du Leistungsanforderungen:

  • Anforderungsbeispiel (falsch/zu eng): „Der Auftragnehmer muss Zertifikat X besitzen.“
  • Anforderungsbeispiel (richtig/offen): „Die gelieferten Produkte müssen eine Lebenszykluseffizienz aufweisen, die durch eine mindestens 10-jährige Garantie auf tragende Teile und die Verfügbarkeit von Ersatzteilen für diesen Zeitraum nachgewiesen wird.“

Du siehst den Unterschied? Du definierst das Ergebnis (Langlebigkeit, Reparierbarkeit), lässt aber dem Anbieter den Weg offen, wie er dieses Ziel erreicht. Das ist der Schlüssel zur nachhaltigen öffentlichen beschaffung. Du kannst in der Ausschreibung auch auf anerkannte Umweltzeichen verweisen (wie den Blauen Engel oder EU Ecolabel), aber du musst immer die Möglichkeit bieten, dass der Bieter gleichwertige Nachweise erbringt. Das nennt man Verweis auf gleichwertige Nachweise.

VIDEO: FEMNET Webinar Warum lohnt sich eine nachhaltige ffentliche Beschaffung? (1/4)

Sozialstandards in die Beschaffung integrieren

Nachhaltigkeit ist nicht nur grün, sondern auch fair. Gerade bei Dienstleistungen wie Gebäudereinigung oder bei der Beschaffung von Arbeitskleidung spielt das eine riesige Rolle. Du möchtest nicht, dass dein Auftrag unbeabsichtigt zu schlechten Arbeitsbedingungen beiträgt.

Hier kannst du klare soziale Mindestanforderungen stellen:

  • Einhaltung von Tarifverträgen: Verpflichte die Bieter, mindestens den geltenden Branchen-Tariflohn zu zahlen. Das ist in vielen Bereichen möglich und wird oft über einfache Selbsterklärungen nachgewiesen.
  • Arbeitssicherheit: Fordere Nachweise über Schulungen zur Arbeitssicherheit, besonders wenn es um körperlich anspruchsvolle Tätigkeiten geht.
  • Bekämpfung von Lohn- und Scheinselbstständigkeit: Bei Dienstleistungen kannst du verlangen, dass der Auftragnehmer die korrekte Einstufung seiner Mitarbeiter nachweist.

Diese sozialen Kriterien sorgen dafür, dass du fairen Wettbewerb förderst, weil Unternehmen, die auf Dumpinglöhne setzen, von vornherein ausscheiden. Das verbessert die Qualität deiner Beschaffungsergebnisse enorm.

Lebenszykluskosten statt Anschaffungspreis betrachten

Wenn du dich fragst, wie du das alles finanziell rechtfertigen kannst, dann liegt die Antwort in den Lebenszykluskosten. Das ist ein zentraler Punkt der modernen, nachhaltigen Beschaffung. Der Anschaffungspreis ist oft nur ein kleiner Teil der Gesamtkosten, die über die Nutzungsdauer entstehen.

Stell dir vor, du kaufst einen Fuhrpark. Ein günstiges Dieselfahrzeug ist in der Anschaffung billiger. Aber wenn du die Kosten für Kraftstoff, Wartung, CO2-Abgaben und den späteren Wiederverkaufswert über zehn Jahre rechnest, kann ein sparsameres oder elektrisch betriebenes Fahrzeug insgesamt günstiger sein.

So berechnest du Lebenszykluskosten konkret:

  1. Anschaffungskosten: Der Preis heute.
  2. Nutzungskosten: Energieverbrauch, Wasserverbrauch, Verbrauchsmaterialien (z.B. Toner, Filter).
  3. Wartungs- und Reparaturkosten: Wie oft muss etwas ausgetauscht werden?
  4. Entsorgungskosten: Was kostet die Rücknahme und das Recycling am Ende der Lebensdauer?

Indem du diese Kostenpunkte in deine Bewertung einbeziehst (z.B. mit einem Gewicht von 30 % für die Anschaffung und 70 % für die Nutzungskosten), belohnst du automatisch die langlebigen und effizienten Produkte, die nachhaltig sind.

Die Rolle der digitalen Werkzeuge bei der Beschaffung

Du fragst dich, wie du diese vielen Kriterien in einem Vergabeverfahren effizient verwalten sollst? Hier kommen digitale Hilfsmittel ins Spiel. Viele Kommunen nutzen inzwischen standardisierte E-Procurement-Systeme, die das Abfragen von Nachhaltigkeitsmerkmalen vereinfachen.

Wichtig ist das „Öffentliche Leistungskataloge“. Das sind oft zentrale Datenbanken, die dir standardisierte Beschreibungen für nachhaltige Produkte liefern. Das spart dir das aufwendige Recherchieren von Umweltzeichen und technischen Standards. Du kannst diese Kataloge direkt in deine Leistungsverzeichnisse übernehmen.

Ein weiterer Tipp: Nutze die Vorabinformationen. Wenn du weißt, dass du in sechs Monaten neue Server anschaffen musst, starte die Markterkundung frühzeitig. Frage interessierte Unternehmen, welche nachhaltigen Lösungen sie anbieten können. Das hilft dir, realistische und ambitionierte Anforderungen für die spätere Ausschreibung zu entwickeln. Diese offene Kommunikation im Vorfeld ist ein mächtiges Werkzeug für umweltgerechte beschaffungsprojekte.

Häufig gestellte fragen

wie viel teurer ist nachhaltige beschaffung wirklich?

Das ist der größte Irrtum. Studien zeigen oft, dass die Mehrkosten bei Anschaffung minimal sind oder gar nicht existieren, wenn man die Lebenszykluskosten betrachtet. Bei manchen Spezialprodukten gibt es höhere Anfangsinvestitionen, die sich aber durch geringere Betriebs- und Entsorgungskosten schnell amortisieren. Fokussiere dich auf die Effizienz über die gesamte Nutzungsdauer.

muss ich jedes umweltlabel akzeptieren?

Nein, du musst nicht jedes Label akzeptieren. Du musst sicherstellen, dass die Kriterien, die du vorgibst, objektiv, transparent und nicht diskriminierend sind. Du kannst auf etablierte, anerkannte Umweltzeichen verweisen (wie den Blauen Engel, das EU Ecolabel oder das deutsche Nachhaltigkeitssiegel für Bauwerke), aber du musst immer die Möglichkeit geben, dass Anbieter nachweisen, dass ihre Produkte gleichwertige ökologische oder soziale Merkmale aufweisen.

Nützliche Websites

Entdecke essenzielle Quellen, die wir zu Nachhaltige öffentliche beschaffung gesammelt haben.

was mache ich bei der beschaffung von komplexen dienstleistungen?

Bei Dienstleistungen wie IT-Wartung oder Bauprojekten ist es am besten, die Nachhaltigkeit in die Managementanforderungen zu integrieren. Anstatt nur das Ergebnis zu bewerten, bewerte das Managementsystem des Anbieters. Frage, welche Strategien er zur Abfallvermeidung, zur Energieoptimierung während der Leistungserbringung oder zur Förderung fairer Unterauftragsvergaben hat. So wird Nachhaltigkeit Teil der Arbeitsweise, nicht nur des Endprodukts.

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