Nachhaltiges controlling

Timo van Loon

Nachhaltiges controlling

Lesezeit 5 Minuten

Stehst du manchmal vor deinen Zahlen und fragst dich: „Macht das, was ich hier messe, wirklich Sinn für die Zukunft meines Unternehmens?“ Du spürst den Druck. Kunden, Mitarbeiter und vielleicht sogar Investoren reden immer mehr über Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung – kurz: Nachhaltigkeit. Aber wie kriegst du das in dein klassisches Controlling? Wie misst du den CO2-Fußabdruck oder das Engagement deiner Mitarbeiter so, dass es wirklich hilft, bessere Entscheidungen zu treffen? Keine Sorge, diese Unsicherheit ist völlig normal. Du bist nicht allein auf der Suche nach dem Weg zum nachhaltigen Controlling.

Warum dein klassisches Controlling nicht mehr reicht

Dein bisheriges Controlling ist brillant, wenn es darum geht, Kosten zu senken, Margen zu optimieren und Liquidität zu sichern. Es fokussiert sich meist auf das Hier und Jetzt, auf das, was du schnell in Euro und Cent messen kannst. Das ist wichtig, keine Frage. Aber Nachhaltigkeit denkt anders. Sie schaut weiter voraus. Sie fragt nach Risiken, die heute noch nicht auf der Bilanz stehen, aber morgen riesig sein können – zum Beispiel, wenn Lieferketten wegen Klimawandel zusammenbrechen oder wenn deine besten Talente gehen, weil dein Unternehmen keine klaren Werte lebt.

Viele Unternehmen stehen vor dem Dilemma: Sie wollen nachhaltiger handeln, aber ihnen fehlt die Brücke zwischen ihren guten Absichten und den harten Fakten im Management-Report. Genau hier setzt das nachhaltige Controlling an. Es geht nicht darum, das alte System komplett zu ersetzen. Es geht darum, es klüger zu erweitern.

Die drei Säulen der Nachhaltigkeit im Blick

Wenn du über Nachhaltigkeit im Controlling sprichst, beziehst du dich meist auf die sogenannte ESG-Sichtweise. Das steht für:

  • E (Environment / Umwelt): Wie gehst du mit Ressourcen um? Energieverbrauch, Emissionen, Abfall.
  • S (Social / Soziales): Wie behandelst du Menschen? Mitarbeiterzufriedenheit, faire Löhne, Sicherheit am Arbeitsplatz.
  • G (Governance / Unternehmensführung): Wie transparent und ethisch leitest du das Unternehmen? Anti-Korruption, Risikomanagement.

Dein Ziel ist es, Kennzahlen für alle drei Bereiche zu entwickeln, die für dein Geschäft relevant sind. Wenn du zum Beispiel ein Produktionsbetrieb bist, ist das E-Thema (Energieeffizienz) wahrscheinlich sehr wichtig. Bist du eine Beratungsfirma, steht das S-Thema (Mitarbeiterbindung und Wissensmanagement) im Vordergrund.

Nachhaltiges controllingSchritt für Schritt zum nachhaltigen Controlling

Wie fängst du jetzt konkret an, diese neuen Aspekte messbar zu machen, ohne im Datenchaos zu versinken? Fang klein an. Hol dir keine 50 neuen Kennzahlen auf einmal rein. Konzentriere dich auf die wirklich wichtigen Hebel in deinem Unternehmen.

VIDEO: Nachhaltiges Controlling: Man kann die Welt ein Stck besser machen

1. Die Wesentlichkeitsanalyse: Wo brennt es wirklich?

Das klingt kompliziert, ist es aber nicht. Die Wesentlichkeitsanalyse im Controlling hilft dir, Prioritäten zu setzen. Du fragst dich: Welche Nachhaltigkeitsthemen sind für mein Geschäft am wichtigsten und welche Themen interessieren meine Stakeholder (Kunden, Banken, Mitarbeiter) am meisten?

Stell dir vor, du verkaufst Software. Die Emissionen deines Büros sind wichtig, klar. Aber viel wichtiger ist vielleicht der Datenschutz (Governance) und die faire Bezahlung deiner Entwickler (Soziales). Umgekehrt: Ein Logistikunternehmen muss primär seinen Treibstoffverbrauch (Umwelt) messen.

Tipp für dich: Setz dich mit der Geschäftsführung zusammen und erstelle eine einfache Matrix: Auf der einen Achse die Relevanz für dein Geschäft, auf der anderen Achse die Relevanz für deine Außenwelt. Die Themen in der oberen rechten Ecke sind deine ersten Controlling-Ziele.

2. Kennzahlen auswählen und definieren

Sobald du weißt, welche Bereiche Priorität haben, brauchst du passende Kennzahlen. Das ist oft der schwierigste Teil, weil es keine universellen Standards für alles gibt. Du musst kreativ werden und die Zahlen so wählen, dass sie dir eine Handlungsempfehlung geben.

Hier sind ein paar Praxisbeispiele für KPIs für nachhaltiges controlling:

  • Für Umwelt (E): Energieverbrauch pro produziertem Stück (statt nur Gesamtverbrauch). Oder: Anteil des recycelten Materials in der Produktion (in Prozent).
  • Für Soziales (S): Mitarbeiterfluktuation in kritischen Bereichen. Oder: Durchschnittliche Weiterbildungsstunden pro Mitarbeiter pro Jahr.
  • Für Governance (G): Prozentuale Abweichung von festgelegten Compliance-Richtlinien. Oder: Zeit bis zur Lösung gemeldeter ethischer Bedenken.

Wichtig ist: Die Kennzahl muss messbar sein, regelmässig erhoben werden können und einen Bezug zu deinem operativen Geschäft haben. Ein reiner „Greenwashing“-Wert bringt dir nichts.

Zusätzliche Informationen

Für mehr Einblick in Nachhaltiges controlling, sieh dir diese praktischen Links an.

3. Datenquellen erschließen und Prozesse integrieren

Jetzt kommt die Praxisnähe ins Spiel. Woher bekommst du diese neuen Daten? Oft liegen sie schon irgendwo herum, sind aber nicht verknüpft.

Denke an folgende Schritte, um das nachhaltige reporting in deinen Alltag zu bringen:

  1. Identifiziere die Datensammler: Wer kümmert sich aktuell um die Energierechnungen? Wer führt die Mitarbeiterbefragungen durch?
  2. Standardisiere die Erhebung: Erstelle einfache Vorlagen. Wenn du den Wasserverbrauch messen willst, muss jeder Standort wissen, wie er das monatlich einträgt.
  3. Integriere ins System: Kann dein vorhandenes ERP-System diese Daten aufnehmen? Wenn nicht, starte mit einer sauberen Excel-Lösung, die du später automatisieren kannst. Ziel ist es, diese neuen Daten genauso zuverlässig zu behandeln wie deine Finanzdaten.

Denk daran: Die Glaubwürdigkeit deines nachhaltigkeitscontrollings hängt davon ab, wie solide die Daten sind. Nimm dir Zeit für die Qualitätssicherung.

Der Unterschied zwischen Nachhaltigkeits- und Finanzcontrolling

Du fragst dich vielleicht, ob diese neuen Kennzahlen nicht einfach nur ein „nettes Extra“ sind. Nein, sie werden zu echten Entscheidungsgrundlagen. Der Hauptunterschied liegt in der Zeithorizont-Betrachtung und der Risikoanalyse.

Beim klassischen Controlling fragst du: „Wie viel kostet es uns, wenn wir die Maschine A kaufen?“ Beim nachhaltigen Controlling fragst du zusätzlich: „Wie hoch sind die CO2-Zertifikatskosten oder die Strafzahlungen für zu hohen Energieverbrauch über die nächsten fünf Jahre, wenn wir Maschine A kaufen?“

Du verschiebst den Fokus von der reinen Kostenrechnung zur wertorientierten Steuerung. Wenn du weißt, dass deine Kunden nur noch von Lieferanten kaufen, die keine Kinderarbeit tolerieren (ein S-Thema), wird die Überwachung deiner Lieferkette zu einer existenziellen Controlling-Aufgabe – nicht nur zu einer ethischen Pflicht.

Umgang mit Unsicherheit und fehlenden Daten

Es wird Momente geben, in denen du keine perfekten Daten hast. Vielleicht ist die Methode zur Messung des Wasserverbrauchs in deinem internationalen Tochterunternehmen nicht standardisiert. Das ist menschlich und passiert jedem.

Hier ist deine Aufgabe als Controller oder Manager:

  • Transparenz schaffen: Benenne die Unsicherheiten offen. Schreibe in deinen Report, dass die Datenlage für Kennzahl X noch im Aufbau ist.
  • Schätzungen begründen: Wenn du schätzen musst (z. B. Emissionen basierend auf Branchendurchschnitten), dokumentiere die Annahmen klar.
  • Verbesserungsprozesse starten: Nutze die Lücke als Ansporn, die Datenerhebung im nächsten Quartal zu verbessern.

Das Wichtigste beim Implementieren von nachhaltigem Controlling ist die Lernbereitschaft, nicht die sofortige Perfektion.

Kommunikation der Ergebnisse: Mehr als nur ein Report

Sobald du deine nachhaltigen Kennzahlen hast, musst du sie nutzen. Ein schöner Report, der im Archiv verstaubt, bringt keinem etwas.

Überlege, wer welche Informationen braucht:

  • Die Geschäftsleitung: Braucht die Top-Kennzahlen, die direkt auf die Unternehmensstrategie einzahlen (z. B. Zielerreichung Klimaneutralität).
  • Die Fachabteilung (z. B. Einkauf): Braucht operative Daten, um Entscheidungen zu treffen (z. B. Kostenunterschied zwischen nachhaltigen und konventionellen Rohstoffen).
  • Externe Stakeholder: Brauchen aggregierte, geprüfte Daten für Berichte (z. B. GRI- oder CSRD-konforme Angaben).

Dein Controlling wird so zum Dolmetscher zwischen Nachhaltigkeitszielen und ökonomischem Handeln. Du hilfst dabei, Investitionen in ökologische oder soziale Projekte als sinnvolle, wertsteigernde Massnahmen darzustellen, weil du ihre langfristigen Vorteile beziffern kannst.

Häufig gestellte fragen

was ist der unterschied zwischen csr und nachhaltigem controlling?

CSR (Corporate Social Responsibility) beschreibt die freiwilligen Aktivitäten deines Unternehmens für Gesellschaft und Umwelt. Das nachhaltige Controlling ist das Werkzeug, um diese Aktivitäten messbar, steuerbar und in die Unternehmenssteuerung zu integrieren. Es macht die CSR-Ziele zu harten Fakten.

muss ich für alle esg-kriterien daten sammeln?

Nein, das wäre ineffizient und würde dich überfordern. Konzentriere dich auf die Themen, die für dein spezifisches Geschäftsmodell wesentlich sind, das nennt man Wesentlichkeit. Wenige, dafür aber relevante Kennzahlen sind besser als viele unwichtige.

was passiert, wenn ich die nachhaltigkeitsziele nicht erreiche?

Im Controlling passiert das Gleiche wie bei finanziellen Abweichungen: Du analysierst die Ursachen und leitest Korrekturmassnahmen ab. Das Ziel ist nicht die Bestrafung, sondern das Lernen und die Anpassung der Strategie oder der operativen Prozesse für die nächste Periode.

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